Über Alltagsrassismus,Ignoranz und fehlende Aufklärung



Manchmal frage ich mich, warum wir im Jahr 2021 noch mit Klischees und Vorurteilen zu kämpfen haben und die meisten Menschen es vorziehen in einer Art Blase zu leben. Diskrimierung, Rassismus und Ausgrenzung sind keine Hirngespinste, die sich verschiedene Menschengruppen im Laufe der Zeit ausgedacht haben. Es handelt sich auch nicht um eine Art Geschichtensammlung mit Moral und Metaphorik wie religiöse Bücher es sind. Wir haben Fakten, Bilder und Beweise vorliegen, die eigentlich in der Schule behandelt werden sollten. Stattdessen muss ich mir nach allem, was sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten ereignet hat, immer noch Sätze wie "Ihr Schwarzen wollt doch immer diskriminiert werden. Ihr stellt euch immer in die Opferrolle." oder "Du bist viel zu empfindlich. Das war doch nur ein Spaß." anhören. Rassismus hat viele Gesichter und oft ist er versteckt.


Kapitel 1: "Wie lange sind Sie schon in Deutschland?"


Sei es bei einem Behördengang, einem Arzttermin in einer neuen Praxis oder an der Fleischtheke im Supermarkt. Habe ich gute Deutschkenntnisse, sind sie überrascht und spreche ich den Dialekt, wird die Neugier ganz groß. Ich könnte mir einen Timer stellen und synchron mitsprechen: "Wie lange sind Sie schon in Deutschland?". Die Aussage ist und bleibt problematisch.


Oft gehe ich einkaufen, um neue Rezepte auszuprobieren und treffe für gewöhnlich ein ältere Dame, die gut gelaunt ein Gespräch anfängt. Manchmal habe ich auch die Töchter meines Bruders dabei und zeige Ihnen, dann coole Produkte. "Sie haben aber schöne Haare" oder "Wie süß, die kleine doch ist." sind Ice-Breaker, wenn ich meine Nichte an der Hand halte. Ich antworte dann oft höflich und höre dann einige Sekunden später "Sie können aber gut Deutsch." gefolgt von einem "Wie lange sind Sie schon in Deutschland?". Überraschung: Ich bin in Deutschland geboren und Sie?


Kapitel 2: "Bist du ein Flüchtling?"


2015 war kein ganz so grandioses Jahr, um ausländische Wurzeln in Deutschland zu haben. Vor diesem Jahr warst du nur ein Ausländer, der wahrscheinlich nicht gut Deutsch sprichst und vor dem man wie wild gestikulieren konnte und ab 2015 warst du dann eine geflüchtete Person, die hilfsbedürftig und auf jede Hilfe angewiesen ist. Siehst du auch den Fehler in der Denkweise?


Alle Frauen, die ein Kopftuch tragen haben entweder türkische Wurzeln oder sind aus Syrien geflüchtet. Andere muslimische Länder existieren ehrlich gesagt nicht mehr. Es spielt keine Rolle, ob du Wurzeln in Marokko, Tunesien, Irak oder Afghanistan hast. Solange man deinen Nachnamen nicht aussprechen kann, bleibst du nun mal auf der Strecke. Meine beste Freundin wird seit der vermeintlichen "Flüchtlingskrise" mindestens einmal die Woche gefragt, ob sie arabisch spricht. Anfangs haben wir uns gerne darüber lustig gemacht, doch spätestens nach dem fremde Personen auf der Straße sie fragten, ob sie ein Flüchtling sei, war die Grenze überschritten.


Eine weitere Freundin ist seit zwei Generationen in Deutschland und muss sich noch immer für ihre guten Deutschkenntnisse rechtfertigen und sich total schwachsinnige Fragen anhören. Ihre Großeltern kamen als Gastarbeiter nach Deutschland, ihre Eltern sind in Deutschland geboren und leider macht dich in diesem Fall selbst der Deutsche Pass nicht Deutsch genug für andere. "Wie feiert ihr eigentlich Geburtstage?" und "Was isst ihr zuhause so?", sind nicht nur lächerlich sondern auch ernst gemeinte Fragen von Arbeitskollegen.


Kapitel 3: "Darf ich deine Haare anfassen."


Seit meiner Existenz kann ich mich kaum an eine Zeit erinnern, in der nicht jemand meine Haare anfassen wollte. Auch wenn ihr es nicht böse meint und neugierig seid die folgende Ausrede funktioniert nicht mehr: „Aber ich habe sowas noch nie gesehen. Das ist so anders.“. Das grenzt schon an einem Verhalten im Streichelzoo, nur das man die Tiere vorher nicht mit großen Augen fragt und geduldig auf eine Antwort wartet.


Ich bin in einer Schwarzen Familie aufgewachsen und verspür keinesfalls das Bedürfniss europäisch glattes Haar zu berühren. Ich kannte das vorher auch nicht und bin nicht im Kindergarten rund gelaufen, um alle Haare zu berühren. Tatsächlich war immer ich es, um die alle in der Grundschule einen großen Kreis bildeten und unbedingt anfassen wollten. Bei meiner ersten Klassenfahrt zählten drei meiner Freundinnen meine Rastazöpfe und lachten dabei amüsiert. Die Thematik empfand ich tatsächlich erst als besonders problematisch, als fremde Personen anfingen mich anzufassen.

Der Höhepunkt war erreicht als eine ältere Dame mir vor zwei Jahren im Supermarkt an den Kopf fasste. Sie fragte dann ziemlich leichtsinnig, ob es mein Haar wäre. Das war auch leider nicht der einzige Vorfall dieser Art, denn auch die Oma meiner Freundin fasste mir beim ersten Treffen intuitiv ins Haar. Eine mehr als unangenehme Situation, die nur ich in diesem Moment als problematisch empfand.


Wenn du jetzt noch denken solltest, diese Aussagen wären nicht problematisch, dann überleg doch selbst wie oft diese schon gehört oder zu anderen gesagt hast. Wie viele Personen wollten dein Haare anfassen oder hinterfragen deine Deutschkenntnisse?